SWR: Herr Cambreling, im Projekt „Der Schrei!“ werden 200 Jugendliche, musikalische Laien ganz unterschiedlicher Niveaus und Stilrichtungen, gemeinsam mit dem SWR Sinfonieorchester Musik machen. Wie kam es überhaupt zu dieser Idee?
SC: Im Orchester gab es sowieso ein Interesse an der Begegnung mit Jugendlichen. Dann kam vor zwei Jahren der Musikpädagoge Werner Englert mit der Idee zu mir, viele Jugendliche aus einer großen Region zuammenzubringen, von Lörrach bis Karlsruhe, um Musik zu machen, gemeinsam mit Profis. Er fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, da mitzumachen - ohne zu wissen, was es wird. Es gab keinen Titel, keine Dramaturgie. Ich hab sehr schnell gesagt, das interessiert mich, diese Konfrontation, wir nehmen verschiedene Gruppen, verschiedene Musiker, und machen etwas! Als sich das Projekt dann entwickelte, wurde eine der größten Herausforderungen diese enorme Zahl von Leuten.
SWR: Diese 200 Jugendlichen haben in einer ersten Phase in Lörrach, Karlsruhe, Offenburg und Freiburg in Workshops gearbeitet, in kleinen Gruppen. Hatten diese Gruppen schon Vorgaben? Oder haben sie frei improvisiert?
SC: Nicht ganz frei. Die hatten alle einen Teamleiter, der eine Dramaturgie für eine kleine Performance baute und die Aktionen kanalisierte. Jedes Team hat einen bestimmten Charakter entwickelt, von den Rappern bis zu den Blockflöten, und die Ergebnisse wurden im Dezember präsentiert.
SWR: Was haben Sie bei dieser ersten Begegnung wahrgenommen?
SC: Positiv für alle war die Energie. Die Liebe zum Spielen, der spielerische Aspekt, das hat mich sofort überzeugt: Damit müssen wir arbeiten. Und es gab schon ein paar sehr gute kleine Performances. Schwieriger fand ich die unterschiedliche Qualität der Gruppen untereinander und gegenüber dem Orchester. Viele von den Jugendlichen hatten noch nie ein Sinfonieorchester gehört. Und wir haben Messiaen gespielt beim ersten Treffen, das war schon viel auf einmal. Es ist schwer für sie, mit der perfekten Technik der Profis konfrontiert zu werden. Natürlich merken sie das und hören es. Wir wollen all die Unterschiede nicht kaschieren, sondern hineinnehmen, ohne die einen zu privilegieren und den anderen zu schaden. Man muss jeden mit einer bestimmten Aufgabe präsentieren, wo er seine Stärke zeigen kann. Das bleibt schwer, aber es ist nur ein Problem der Dramaturgie.
SWR: Haben Sie auch über gemeinsames Improvisieren nachgedacht?
SC: An Improvisation mit Orchester hab ich nie geglaubt. Das ist nicht unser Beruf, und mit mehr als 20 Musikern geht das gar nicht. Es war klar, dass das Orchester Kompositionen spielen würde, aber nicht, welche. Die Idee zum Titel „Der Schrei“ ist mir nach einem Orchesterstück von Helmut Lachenmann gekommen, „Schreiben“. Darin steckt das Wort „Schrei“, wie auch „cri“ im französischen „écrire“. Man hat also das Geschriebene, Fixierte, und den Schrei, der ganz spontan ist. Ich dachte mir, das Orchester übernimmt das Schreiben, die Jugendlichen den Schrei. Natürlich ist das sehr intellektuell. Die Frage ist: Welche Form können wir dafür in der Praxis finden?
SWR: Und eine Antwort fanden Sie, nachdem Sie all die Gruppen gehört hatten.
SC: Wir kamen nach diesem Treffen auf Beethovens Fünfte, als etwas, worauf der Abend zuläuft, und etwas, womit sich die unterschiedlichsten Teams auseinandersetzen können. Diese Komposition ist ein domestizierter Schrei. Der erste Satz ist jedem bekannt oder wird jedem schnell vertraut, denn es ist sehr einfaches Material. Jeder kann einen Kommentar dazu machen, egal ob rhythmisch oder melodisch. Daran haben die Teams dann gearbeitet.
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