SWR» DER SCHREI : Interview mit W. Englert - Teil II
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SWR: Diese vielen Jugendlichen, die sowieso schon so verschieden waren, sind ja dann ja noch auf das SWR Sinfonieorchester gestoßen – also noch mal ein krasser Gegensatz: auf der einen Seite Jugendliche, die das zum Spaß und auf sehr verschiedene Art machen, auf der anderen Seite Berufsmusiker: und die ersten Proben mit dem Orchester waren wohl nicht ganz unproblematisch, oder?

 

WE: Die erste Probenphase mit dem Orchester war eine ganz wichtige Erfahrung. Da wurde zum ersten Mal klar, wie unterschiedlich man an Musik herangeht. Es ging ums Ausprobieren, keiner wusste was passieren würde. Dabei hat sich gezeigt, dass manche Ideen funktionieren, manche nicht. Und aus dieser Erfahrung heraus haben wir dann das Konzept für die Konzerte entwickelt.

 

SWR: Wie haben Sie die ersten Proben mit dem Orchester denn vorbereitet?

 

WE: Wir haben den jugendlichen Teams die Aufgabe gegeben: Nehmt den 1. Satz der 5. Sinfonie von Beethoven und reagiert darauf. Das hat super funktioniert. Manche haben sich voll und ganz drauf eingelassen und tolle Konzepte entwickelt. Manche haben das aber auch total abgelehnt, sie haben gesagt: Das machen wir nicht, wir haben mit Beethoven nichts am Hut. Aber auch das war natürlich eine Reaktion! Der Schwerpunkt an den drei ersten Probentagen war dann, dass das Orchester den ersten Satz der Sinfonie gespielt hat und wir versucht haben, die Ergebnisse der Teams einzubauen. Das hat leider zu dem Missverständnis geführt, dass die Jugendlichen dachten: das ist also „der Schrei“.

 

SWR: Und wie haben Sie dann darauf reagiert?

 

WE: Wir legten vor allem Wert darauf, die Hoffnung und das Vertrauen in das Projekt zu erhalten. Ich habe versucht, das, was die Jugendlichen in den Proben erlebt haben, in den Kontext zu stellen. Ich habe ihnen erklärt, dass die Proben wirklich nur der erste Versuch waren, sich dem Ganzen anzunähern, nicht das Ergebnis. Das Konzept haben wir ja erst hinterher, nach den Proben und aufgrund der Proben, weiterentwickelt. Das war das Schönste, aber auch die größte Herausforderung bei dem Projekt „Der Schrei“. Am Anfang war natürlich noch nicht klar, was am Ende auf der Bühne zu hören und sehen sein wird; das ist kaum zu vermitteln. Auch denen, die mitgemacht haben. Diese Ungewissheit, das Ergebnis nicht zu kennen, keinen Plan zu haben, sondern einen Plan gemeinsam zu entwickeln, das fällt sehr vielen Menschen schwer. Sowohl den Jugendlichen, als auch dem Orchester. Da gab es Ängste bei allen.

 

SWR: Insgesamt war „Der Schrei“ auch ja ein echtes Wagnis: das hätte doch auch ganz schön schief gehen können, oder?

 

WE: Die Idee kam ja nicht aus dem Nichts. Ich arbeite seit mehr als 30 Jahren als Musiklehrer, und was mich persönlich interessiert, ist das Kreieren von Musik. Musik aus mir heraus zu schaffen, Musik als Sprache zu gebrauchen, unabhängig von den tollen Kompositionen, die es natürlich schon gibt. Und genau das ist auch das Ziel meiner künstlerisch-pädagogischen Arbeit: Menschen dazu zu bringen, sich mit Musik auszudrücken. Damit habe ich ganz tolle Erfahrungen gemacht. Ich habe im Laufe der Jahre Vertrauen in das Tun von anderen entwickelt. Aus diesem Tun heraus etwas sich entwickeln lassen, was es vorher nie gegeben hat und was es nachher nie mehr geben wird, weil die Kombination der Menschen, mit denen wir das machen, einmalig ist. Das ist das Besondere. Der Ausdruck dieses einen Momentes.

 

 

SWR: Und was werden die Jugendlichen behalten von diesem singulären Moment, wie nachhaltig war das Projekt?

 

WE: Das zeigt sich schon daran, dass so viele dabeigeblieben sind, obwohl sie viele andere Verpflichtungen haben, auch in der Schule. Fast 200 Jugendliche sind ein Jahr dabeigeblieben! Und es hat sich viel bewegt. Es sind eigenständige Bands entstanden, Freundschaften über die Regionen hinweg, und viele hatten noch nie ein Orchester gesehen und waren ganz begeistert. Manche werden vielleicht auch in Zukunft in Konzerte gehen, andere können nach wie vor nichts mit einem Orchester anfangen. Ich vertraue darauf, dass das gemeinsame Erlebnis am Ende für alle eine Erfahrung ist, die ihnen hilft, offener zu werden.

 

(15. Mai 2009)

 

 

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