SWR: Herr Englert, zur Zeit boomen ja Musikprojekte mit Jugendlichen ziemlich, da hat sicher auch der Film „Rhythm is it“ beigetragen, in dem Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker mit Jugendlichen „Le Sacre du Printemps“ von Igor Strawinsky einstudieren. War das ein Vorbild für den „Schrei“?
WE: Die Idee ist tatsächlich in einem Kiwanis-Club entstanden, und die hatten auch den Film „Rhythm is it“ im Kopf. Grundsätzlich finde ich es toll, viele Jugendlichen und ein etabliertes Orchester zusammenzubringen. Aber ich würde gerne an den Ideen, an der Kreativität der Jugendlichen andocken, sie ernst nehmen. Ich will Ihnen zunächst nichts beibringen, sondern: die Jugendlichen bringen ein, was sie können. Und zwar alle: vom Anfänger bis zum Fortgeschrittenen, vom 14-Jährigen bis zum 20-jährigen, von jemandem, der noch nie auf der Bühne gestanden hat bis hin zum Jugend-Musiziert-Preisträger.
SWR: Erzählen Sie doch bitte ein bisschen mehr von den jugendlichen Teilnehmern: wer war dann da so alles dabei?
WE: Wir haben wirklich viele Zielgruppen erreicht, zum Beispiel körperlich oder geistige behinderte Jugendliche. Das andere Extrem sind 20-Jährige, die schon in eigenen Bands spielen, die eigene Kompositionen oder sogar eigene CD-Aufnahmen gemacht haben. Wir haben auch Jugendliche aus Familien dabei, die sich das Projekt eigentlich nicht leisten konnten. Da sind die Kiwanis-Clubs und andere Förderer eingesprungen. Das größte Problem war aber, an diese Jugendlichen überhaupt heranzukommen. Sie haben in der Regel kein Selbstvertrauen gelernt. Das weiß ich sehr gut, weil ich auch an Berufsschulen unterrichte, wo mir Jugendliche aller Gesellschaftsschichten gegenüber sitzen. Die sozial schwächeren erleben permanent, dass sie klein gemacht werden. Und das bewirkt natürlich, dass sie sich gar nicht trauen, ihr soziales Umfeld zu verlassen. Dass es uns gelungen ist, an einige heranzukommen, das ist schon mal toll.
SWR: Haben Sie denn auch geschafft, dass die Jugendlichen wirklich untereinander ins Gespräch kamen? Oder haben sie doch nur homogene Grüppchen gebildet?
WE: Das glückt natürlich nicht durchgängig, aber ich würde sagen, im Großen und Ganzen ist es gelungen. Ich weiß noch, bei der ersten Auftakt-Veranstaltung in Karlsruhe hatten wir auch krasse Gegensätze: da waren Abiturienten dabei, die seit Jahren an der Musikschule intensiv ihr Instrument gelernt haben, und auf der anderen Seite Jugendliche mit Down-Syndrom. Und gerade die haben eine so intensive Freude reingebracht, einen Spaß, im Moment zu agieren! Das hat alle angezündet. Viele Jugendliche kamen hinterher zu mir und sagten: „Wow! Das ist toll, was die uns da vormachen.“ Nämlich, wie sie sich auf eine Sache einlassen, mit welcher Energie und Freude.
SWR: Und hat sich daraus dann etwas entwickelt, längerfristige Kontakte zum Beispiel oder sogar Freundschaften?
WE: Also von der Seite der Behinderten auf jeden Fall. Sie sind zum Teil sehr direkt und kennen keine Scheu. Sie gehen einfach hin und sprechen jemanden an. Inzwischen gibt es schon welche, die ihre festen Begrüßungsrituale haben; wenn sie sich sehen, fallen sie sich um den Hals. Und was das größte Erlebnis war: alle haben am Anfang Angst gehabt vor dieser Begegnung, vor allem die Nichtbehinderten. Und dann haben sie gespürt, wie schön das sein kann. Da ist ganz viel passiert, über die Musik hinaus.
SWR: Was war denn wichtiger: der soziale Aspekt, persönliche Begegnungen, oder das künstlerische Ergebnis?
WE: Mir ging´s um die Musik. Musik steht im Mittelpunkt. Aber die Musik ist ein Spiegel unseres Lebens. Über das künstlerische Sich-Betätigen, sich miteinander Befassen, sich aufeinander Einlassen, sind wir natürlich mittendrin in den sozialen Kontakten.
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