SWR» DER SCHREI : Interview mit S. Cambreling - Teil II
mitmachenerlebeninformieren

SWR: Ist den Jugendlichen das nicht zu kontrolliert? Immerhin lautet das Motto des Projekts „Lass raus, was in dir steckt“.

 

SC: Für viele war es leicht, da ranzugehen, für andere gar nicht. Es gab auch Diskussionen: Warum sollen wir etwas zu einem fertigen Stück machen? Wir wollen unsere Musik präsentieren. Aber das werden sie auch. Die Fünfte ist nur ein Teil des Abends, und sie wird gespielt wie eine Collage: Es gibt einen Schnitt, und plötzlich kommen fremde Töne. Eine Tonfolge von Beethoven wird zu einem Loop, einer Schleife, und dazu kommt ein Rap. Und am Ende des ersten Satzes gibt es eine Klage der Oboe, die Oboe hält ihren Ton, der wird übernommen vom Akkordeon, es gibt keinen Puls, nichts, und zwei junge Behinderte spielen Mundharmonika, nur mit Ein- und Ausatmen. Dazu wird ein Satz von Beethoven über seine Taubheit gesagt, unhörbar. Wir haben eine Gruppe von Schwerhörigen dabei und werden die Taubstummensprache nutzen. Das ist sehr bewegend.

 

SWR: Die Jugendlichen werden also direkt mit Orchestermusikern zusammenwirken.

 

SC: Ja. Zuerst fand ich, das Orchester soll ein Kollektiv bleiben. Aber diese Meinung habe ich ein bisschen geändert. Beim letzten Treffen zwischen den Teams und dem Orchester im März haben viele Jugendliche gesagt: Wir haben keine Chance, wenn wir nur neben dem Orchester stehen! Sie wollen direktere und individuellere Kontakte. Das haben wir ernst genommen. Es gibt musikalisch und körperlich mehr Mischung. Einige werden mitten im Orchester sein. Und Orchestermusiker werden in den Gruppen mitspielen.

 

SWR: Was kommt vor Beethoven?

 

SC: Wir konkretisieren das Thema Schrei. Damit beginnt der Abend im Foyer. Es gibt den Geburtsschrei, den Kinderschrei, den pubertären Schrei, dann die Konfrontation mit dem Leben und den inneren Schrei. Dann kommt Beethoven im Saal. Publikum und Jugendliche müssen wirklich spüren: Auch in Beethovens Fünfter ist ein Schrei! Und plötzlich macht alles Sinn! Daran arbeiten die Teams jetzt. Der pubertäre Schrei wird zum Beispiel von den Rappern repräsentiert. Und danach kommt als Musik eine Art von Zapping. Eine Frage war, wie kann man Texte benutzen? Wie kann man die Rapper integrieren und die Sprechgruppe aus Lörrach? Sie werden sozusagen Rezitative sprechen, wie in einem Oratorium. Oder 50 Jugendliche sprechen ein Gedicht, und wir spielen dazu ein fast unhörbares Stück von Salvatore Sciarrino. Ich nehme den Sciarrino als Anti-Schrei. Und es gibt ein sehr lautes Stück von Scelsi, mit Blechbläsern, als Reaktion auf die Schrei-Weisen der Jugendlichen.

 

SWR: Das ist sehr anspruchsvoll…

 

SC: Ja, wir haben wirklich eine Dramaturgie gebaut. Die Kritik der Jugendlichen beim letzten Treffen war, dass sie zwar auf das Orchester reagieren, aber das Orchester nicht auf das reagiert, was sie machen. Es ist ein work in progress, da muss ständig die Methode geprüft und verändert werden. Weggelassen haben wir die Idee der Performance. Bei einigen Gruppen gab es diese „Deutschland sucht den Superstar“-Vorstellung, das muss man total vergessen. Stattdessen arbeiten jetzt manche Teams zusammen, zum Beispiel Schlagzeuger und Saxophonisten, das hat viel mehr Korpus, Kraft, die haben dazu Lust. Andererseits haben wir schon in der ersten Phase bestimmte Individualitäten gesehen, da gibt es Talente, drei, vier, die werden einen speziellen Spot kriegen. Und wir haben die Dauer der Auftritte reduziert. Drei Minuten reichen oft schon.

 

SWR: Reichen die auch den Jugendlichen?

 

SC: Ich glaube, WEIL es begrenzt ist, können sie etwas machen, was wichtig ist, und verlieren keine Zeit als Dekoration. Sie lernen, an etwas klar Definiertem zu arbeiten. Es muss strukturiert sein, wirklich vorbereitet. Mit so vielen Leuten geht das nicht anders. Ich sage oft, Musik ist Organisation. In Gruppen geht es nur durch Organisation, Disziplin, Toleranz: Man muss auch die anderen hören. Man muss wissen: Von da bis da bin ich ganz frei, und ab da bin ich nicht mehr frei! Und die Identität jeder Gruppe bleibt. Heavy Metal bleibt Heavy Metal. Der Versuch, diese Identitäten mit Kunst zusammenzubauen und etwas zu sagen – das ist das Projekt.

 

SWR: Worauf sollten sich Musiker und Künstler einstellen, die ähnliche Projekte versuchen wollen?

 

SC: Eine lange Konzeptionsphase. Es hat sechs Monate gedauert, bis wir das Material kannten und wussten, womit wir arbeiten können. Und dann Entschiedenheit. Die Teamleiter haben uns gebeten: Geben Sie uns klare Aufgaben! Und natürlich ist es auch eine große finanzielle Investition.

 

SWR: Gab es Skepsis bei den Orchestermusikern?

 

SC: Es gibt Leute, die sehr engagiert sind, und andere, die sagen: Ich spiele, was ich zu spielen habe. Aber nur mit diesem Orchester kann man so ein Experiment machen. Jeder, der in dieses Orchester geht, will Neue Musik machen. Seit einem halben Jahrhundert spielt es Uraufführungen ebenso wie Repertoire, und eine Konsequenz daraus ist die Flexibilität im Geist. Solisten aus dem Orchester gehen jetzt auch als Tutoren in die Teams der Jugendlichen.

 

SWR: Was erhoffen Sie sich als Folge dieses Projekts? Das Publikum von morgen? Eine Verbindung von Kunst und Gesellschaft?

 

SC: Nichts! Das Projekt ist an sich interessant, ich verfolge damit kein Ziel. Natürlich wird etwas bleiben in Kopf und Körper, Erinnerungen. Und es hat einen sozialen Aspekt, diese Jugendlichen kommen aus allen Milieus, viele werden weiter zusammen musizieren. Soviel Zeit und Energie wie für „Der Schrei!“ habe ich selten in ein Projekt investiert, warum? Was bringt es mir für meine Karriere? Absolut nichts! Ich finde das spannend, ich finde es gut und ich glaube, es kann am Ende toll sein. Emotional. Aber was da wirklich geschieht – das werden wir erst hinterher wissen.

 

(18. März 2009)

 

<< zurück zum Anfang